Neulich hab ich in einem TikTok gefragt: „Was hättest du gerne gewusst, bevor du diese Wieterbildung gestartet hast?“
Ein Kommentar dazu hat mich sofort in einen Flashback geschickt. Ein Kommentator schrieb, dass ein Teil der Durchfallquote hat gar nichts mit Machbarkeit zu tun hat ‒ sondern damit, dass viele es von Anfang an gar nicht ernst meinen:
„Einer von denen hat schon am zweiten Tag mittendrin seine Sachen eingepackt und ist mit einem geächzten „Nää!“ rausgestürmt. Die anderen drei sind auch in den nächsten vier Wochen gegangen.“
Diese Überforderung, dieses Nullchecken am Anfang – das kenne ich gut.
Aber was du daraus machst, ist eine ganz andere Sache. Und genau da will ich dir einen anderen Weg zeigen. Meinen eigenen.
Wenn Aufgeben keine Option ist
Ich kam ja als Au-pair nach Deutschland. Irgendwann hab ich beschlossen: Ich bleib.
Und der einzige legale Grund dafür für Aufenthaltsgenehmigung in meiner Situation war das Studium.
Nur mit meinem bisherigen Studium ‒ Linguistik mit Deutsch und Englisch ‒ hätte ich hier niemanden vom Hocker gerissen. Letztendlich spricht jedes Grundschulkind besser Deutsch als ich.
Was blieb mir? Quereinstieg in ein Fach, das ich auch klasse fand – haha, bevor ich’s überhaupt angefangen hab, zu studieren – Betriebswirtschaft. Ein totaler Quereinstieg: von Sätzen, die man spricht, zu Sätzen, die man bucht.
Hätte ich aufgehört zu studieren oder mich exmatrikuliert ‒ ich hätte wieder ausreisen müssen.
Super Motivation, ja? Du hast dieses Damoklesschwert über dem Kopf hängen, immer. Keine Vorlesung verpassen. Keine Prüfung verschieben. Keine Prüfung durchfallen. Nur ein Ziel: das Studium schaffen.
(Und irgendwie nebenbei noch zu arbeiten, um das Leben zu finanzieren.)
Erstes Semester, große Augen
Und direkt im ersten Semester hatten wir Bilanzierung nach HGB. Ich saß da mit solchen großen Augen.
Es wurde nichts erklärt ‒ was Soll und Haben ist, was überhaupt eine Bilanz ist, dass die aus Aktiva und Passiva besteht. Nada.
Nicht, wie man Gesetze liest, wie man mit Paragrafen arbeitet. Es wurde alles vorausgesetzt.
Es ging direkt los mit der Jahresabschlusserstellung, eins der ersten Themen war Disagio.
Ich hab versucht, die Themen in meiner Muttersprache nachzulesen. Fehlanzeige. Hat nichts gebracht – da hab ich’s noch weniger verstanden als auf Deutsch.
Aufgeben war trotzdem keine Option. Ich musste ja durch.
Wenn dir niemand die Abkürzung zeigt
Also hab ich vorher ganze Vorlesungsunterlagen durchgearbeitet, jeden Begriff ausgeschrieben, den ich nicht kannte, und so gut es ging, schon im Voraus über die Themen mich grob informiert.
Damals gab’s ja noch keine KI, wo du sagst „erklär mir das“ und es wird erklärt. Selbst Google und das Web waren Anfang des 21. Jahrhunderts bei spezifischen Buchhaltungs- und Finanzthemen ganz „dünn“.
Ich musste in die Bibliothek gehen, in Büchern suchen ohne Ende, lesen, lesen, lesen, lesen ‒ und manchmal auch einfach keine Antwort finden und mir das Ganze selbst irgendwie herleiten.
Als Beispiel: Die Aufteilung der Märkte werde ich nie vergessen, einige Tage da reingesteckt. Denn es stand nirgendwo klar und deutlich, was genau der Unterschied zwischen Geldmarkt und Devisenmarkt ist. Und auswendig lernen konnte ich NIE. Ich muss(te) es immer VERSTEHEN. Und heute liefert dir Perplexity AI in Nullkommanix die Erklärung mit übersichtlicher Tabelle der Unterschiede.
Nach der ganzen Zeit, die ich in die Vorbereitung auf die Prüfung in der Bilanzierung reingesteckt hatte, war ich mir sicher:
Ich beherrsche das Thema. Die Prüfung wird superlaufen.
Und ich hatte tatsächlich ein tolles Gefühl und konnte auch alle Aufgaben lösen. Dachte ich.
Bestanden ‒ und trotzdem stinksauer
Falsch gedacht. Bestanden gerade mit einer 4,0.
Und ich war wütend. Frustriert. Ich hatte doch so viel gelernt, ich war überzeugt, ich kann das Thema ‒ für mich fühlte sich die Note einfach ungerecht an.
Erst aus heutiger Sicht, mit meiner späteren Berufserfahrung, wo ich tatsächlich Jahresabschlüsse erstellt hab, seh ich’s anders: Das war purer Glück, dass ich überhaupt bestanden hab. Ich wusste gar nicht wirklich, was ich da tue. Ich hatte damals alles nur sehr oberflächlich verstanden. Und das hat gerade noch irgendwie gereicht.
Geschadet hat es meiner Karriere trotzdem nicht: Wenn man die richtige Einstellung hat, lernt man in der Arbeit jeden Tag was dazu.
Richtig verstanden habe ich die vielen Zusammenhänge erst später – als ich Jahresabschlüsse tatsächlich in der Praxis erstellen musste. Im Masterstudium hab ich Bilanzierung dann mit einem „sehr gut“ abgeschlossen – weil ich da wirklich wusste, was ich tat.
Übrigens, im ersten Semester meines Bachelorstudiums habe ich verstanden, wie sehr das Gefühl trügen kann: Bei einer anderen Prüfung (im Marketing), war ich mir zu 100 % sicher, dass ich sie durchfalle. Und dann kam das Ergebnis: 2,0!
Also, traue nie deinem Prüfungsgefühl – es kann dich in beide Richtungen trügen!
Der richtige Aha-Moment für Buchungssätze kam drei Semester später
Fun Fact: Die Buchungssätze hab ich erst so richtig verstanden, als ich in meinem Job als Werkstudentin dem französischen Kollegen erklären musste, warum die Rohmarge in ihrem Profit-Center nicht stimmen kann, und dafür jeden Buchungssatz ganz genau zu jeder Transaktion in SAP „aufmalen“.
Erst da hatte ich den richtigen Klick: „Aha, so ist es also!“
Drei Semester später, Karl!
Und hier mein ultimativer Tipp: Willst du wirklich prüfen, ob du ein Thema verstanden hast, versuch’s, deinem Lernbuddy eine komplexe Aufgabe dazu zu erklären.
Schaffst du das ‒ hast du’s verstanden.
Schaffst du es nicht – siehst du schwarz auf weiß, wo deine Lücken sind.
Was das für dich und deine Bilanzbuchhalter-Prüfung heißt
Startvoraussetzungen sind ungleich.
Manche kommen mit kaufmännischer oder steuerrechtlicher Ausbildung in einen Kurs.
Andere ‒ so wie ich damals, oder vielleicht du damals oder jetzt ‒ mit null Ahnung, und in meinem Fall auch noch mit einer Fremdsprache dazu.
Aber die Startvoraussetzungen entscheiden nicht über das Ergebnis.
Kaufst du ein Hemd von der Stange, ist es für eine Durchschnittsfigur gemacht. Passt es zufällig? Super – fertig, anziehen.
Passt es nicht, hilft nur noch Maßarbeit beim Schneider: mehr Anproben, mehr Nadeln, mehr Zeit. Sitzt das Ergebnis deshalb schlechter? Nein. Vielleicht sogar besser!
Genauso ist es mit den Kursen: Sie setzen sehr häufig ein bestimmtes Grundwissen voraus.
Bringst du das mit, passt er dir gleich von der Stange. Bringst du es nicht mit, brauchst du Maßarbeit – mehr Stunden, in denen du dir die fehlenden Grundlagen selbst oder mit Zusatzkursen nachholst.
Am Ende zählt nur, ob es passt – nicht, wie viele Anproben es gebraucht hat.
Entscheidend ist, ob du die Lücken, die du hast, selbst nachholst – auch wenn’s dich mehr Zeit kostet als andere.
Du willst deinen Senf dazu geben?
Hier kannst du die Kommentare der Bilanzbuchhalter:innen lesen, was sie anders gemacht hätten bei der Weiterbildung, und auch selbst kommentieren:
Noch mehr Starthilfe für deine Bilanzbuchhalter-Ausbildung
Wenn du gerade am Anfang deiner Bilanzbuchhalter-Ausbildung stehst: Vero, die auch den „Podcastfür BiBu’s in spe““ macht, hat extra dafür eine eigene Playlist: die BiBu Starter Reihe auf YouTube, wo immer wieder neue Videos dazu kommen.
Sie hilft dir genau in dieser Phase weiter.